Schneiders Krieg

 

Ein Mann gegen eine Weltmacht:

Neben Günther Schneiders Bauernhof starten Kampfjets der US-Airforce. Der Widerstand gegen den Militärstützpunkt Spangdahlem hat aus dem Bauern einen kranken Mann gemacht – und einen Krieger.

Ein aussichtsloser Kampf. Bis jetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Dorf in der Einflugschneise (0:30)

 

 

 

 

 

„Hier in der Eifel ist es wie im Mittelalter. Wer die schlechte Nachricht überbringt,

wird geköpft.“

 

 

 

 

I. Der Krieger

 

 

 

Wenn die USA in den Krieg ziehen, zittern bei Günther Schneider die Fenster. Nur 600 Meter liegen zwischen dem Hof des Landwirtes und der US-Airbase Spangdahlem in der Eifel.

 

Hier in der Region, in der die Dörfer Binsfeld, Scharfbillig und Kaschenbach heißen, betreiben die US-Streitkräfte seit 1953 einen der größten Militärstützpunkte Europas. Das ist Schneiders Heimat, die Heimat seiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern.

 

Schneider, 54 Jahre alt, fester Händedruck, arbeitete früher selbst für die Amerikaner. Heute ist er ihr größter Gegner. Schneider sagt, es gehe nicht nur um den unerträglichen Lärm, der jährlich tausenden Starts von Kampfjets und Transportflugzeugen, sondern vor allem um die Umweltverschmutzungen.

 

Schneider entschied sich zu handeln.

 

 

 

Ein Mann gegen Amerika (1:15)

 

„Manche Menschen gehen mit ihren Problemen zum Bürgermeister, die anderen kommen zu mir.“

 

 

Sein Engagement brachte dem Familienvater den Rheinland-Pfälzischen Friedenspreis ein. Und drei Herzinfarkte. Mittlerweile ist er arbeitsunfähig.

 

Lange Zeit sah es aus, als sei der Krieg verloren. Schneider fehlten die Beweise dafür, dass die Base die Dorfbewohner krank mache. Nun könnte ein Befund alles verändern. In den Teichen, Bächen und im Grundwasser rund um den Stützpunkt wurden Auffälligkeiten nachgewiesen. Männer der Wasserbehörde rückten aus, Proben wurden entnommen.

 

Hat Schneider immer Recht gehabt?

 

 

 

II. Der Verdacht

 

 

 

Alles begann an der Kyll, einem Bach, der sich durch die ganze Region schlängelt. Dort wurden 2011 das erste Mal die Stoffe nachgewiesen, die erst Schneider und nun eine ganze Region in Sorge versetzen: perfluorierte Tenside, kurz PFT.

 

Es sind Industriechemikalien, fast unzerstörbar – und vor allem unberechenbar. PFT-Verbindungen sammeln sich in der Natur an. In Böden, Pflanzen, Fischen und im Menschen. Die Stoffe sind Studien zufolge krebserregend.

 

Der Bach schien ein Einzelfall. Doch dann maßen die Behörden überall in der Region, in Bächen und Weihern, unerwartet hohe PFT-Werte.

 

Nicht nur in der Eifel bereiten die Chemikalien zunehmend Probleme. Auch rund um andere Flughäfen gibt es hohe PFT-Belastungen. Doch kaum irgendwo leben Menschen so nah an einem Militärflugplatz wie bei Spangdahlem.

 

Das PFT stammt vor allem aus Löschschaum, den die Amerikaner jahrzehntelang bei Brandschutzübungen versprühten.

 

 

 

 

PFT-Fundstellen rund um die Airbase

 

„Endlich hatte das Zeug,

das uns vergiftet, einen Namen.“

 

 

Ein Teich, in dem Schneider früher geangelt hat, liegt am Zaun der Airbase. Heute ist Angeln dort verboten. Schneider ließ sein Blut untersuchen. Das Ergebnis verunsichert ihn. Eine PFT-Verbindung tritt vermehrt auf, eine andere liegt unter dem Durchschnitt. Keiner kann ihm genau erklären, was das PFT mit seinem Körper macht.

 

Als vor einem Jahr erstmals auch in einem nahegelegenen Trinkwasserbrunnen PFT gefunden wurde, investierten die Behörden Geld in neues Equipment und weitere Untersuchungen, planten Gewässersanierungen und veranstalteten Informationsabende.

 

In Kürze wollen sie ihre Ergebnisse vorstellen. Schneider will endlich wissen, was los ist.

 

 

 

III. Das Zusammenleben

 

 

 

Wer wissen will, wie die deutsch-amerikanische Freundschaft klingt, der muss nur um 17 Uhr auf die Straße treten. Dann dröhnt die amerikanische Nationalhymne durch Gassen und Vorgärten. Jeden Tag, auch sonntags.

 

Die Hymne kommt aus Lautsprechern der Base. Früher kamen mit ihr die Soldaten nach dem Dienst in den Ort. Seit den Anschlägen vom 11. September ist das anders. Aufgrund der erhöhten Terrorgefahr bleiben die meisten Amerikaner hinter dem Maschendrahtzaun. Wer eine Kamera in Richtung Base richtet, muss sich der Militärpolizei erklären.

 

 

 

Der Klang der Freundschaft (0:56)

 

 

 

Auch deshalb wurde der Flugplatz nach und nach zu einer eigenen Stadt hochgerüstet, mit Hotel, Fitnessstudio und Lebensmittelläden.

 

Wer nach amerikanischem Leben sucht, der findet es am ehesten noch in „Deiby’s Barbershop“, einem Friseursalon in Spangdahlem oder der Großraumdisko „Kajüte“ in Binsfeld, wo GIs mit Eifler Mädchen tanzen.

 

Trotzdem glauben viele, dass die Gegend den Flugplatz braucht: Viele hundert Arbeitsplätze in der Region hängen an der US-Luftwaffe. Doch gleichzeitig greift der Bund tief in die Steuerkasse, um die amerikanischen Gäste zu unterstützen. Weit über 800 Millionen Euro hat alleine der Bundeshaushalt für US-Stützpunkte in Deutschland seit 2006 gezahlt. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor, die dem stern.de vorliegt. „US-Stationierungen sind nicht, wie so oft behauptet wird, ein positiver Wirtschaftsfaktor für die Region“, sagt die Linken-Abgeordnete Katrin Werner, deren Wahlkreis in der Eifel liegt, „sie kosten das Land hunderte Millionen!“

 

 

 

„Früher hat man die Amis noch regelmäßig getroffen. Jetzt bleiben die hinter ihrem Zaun.“

IV. Der Widerstand

 

 

 

Das Hauptquartier des Widerstands ist eine kleine Laube in Günther Schneiders Garten. Hier hat vor 15 Jahren alles begonnen. Damals sollte Schneider für die Erweiterung des US-Stützpunktes enteignet werden.

So wie schon sein Großvater für den Bau und sein Vater für die erste Erweiterung des Flugplatzes enteignet worden waren.

 

Schneider wehrte sich. Er sprach mit Fernsehteams von CNN und ZDF, zog bis vor den Bundesgerichtshof und gründete eine Bürgerinitiative, die damals etwa 50 Mitglieder hatte. Es war vergeblich. Nun donnern Düsenjets genau dort, wo früher seine Kühe weideten.

 

Von Schneiders Widerstand sind Kisten voller Aktenordner übrig geblieben – und ein kleiner Kreis von Protestveteranen. Ein Kunsthistoriker ist dabei, eine Mathematikerin und ein pensionierter Zahntechniker.

 

Schon vor Jahren hatte die Gruppe vor Giftstoffen gewarnt. Sie hatten Politikern geschrieben und eine Infobox auf der Wiese neben der Base errichtet. Erreicht hatten sie wenig.

 

Dann kam der PFT-Befund. Schneider gründete eine Arbeitsgruppe beim Umweltschutzverband BUND, las hunderte Gutachten und zog mit dem Megafon vor die Tore der Base.

 

 

 

Im Hauptquartier des Widerstands (0:57)

 

„Günther muss aufpassen, seine Gesundheit macht das nicht mehr lange mit.“

 

 

Einer seiner Weggefährten ist Kurt Weiser. Er war früher SPD-Lokalpolitiker und Vertrauter von Ex-Ministerpräsident Kurt Beck. Der heute 80-Jährige plädierte schon vor 25 Jahren als einer von wenigen Politikern in der Region für einen Abzug der Amerikaner. „Günther muss aufpassen, seine Gesundheit macht das nicht mehr lange mit.“

 

 

 

V. Der Gegner

 

 

 

Schneiders Krieg richtet sich auch gegen Männer wie Michael Billen. Ein Eifelaner wie Schneider, aber ein Fürsprecher des Flugplatzes. Billen, Schnauzer und eine Stimme, die grollt wie ein Traktor, sitzt seit 20 Jahren im Landtag. Einer der wichtigsten Männer in der Region.

Es gibt Fotos, die ihn im Sitz eines F-22-Kampfjets auf einem Stützpunkt in Florida zeigen. Das US-Militär lädt Lokalgrößen wie ihn regelmäßig in die USA ein. Kontaktpflege.

 

Denn einen wie Billen schätzen sie hier: Er packt an, statt zu zögern, sagt, was er denkt, raucht, wann er will. Ein Landwirt mit 120 Kühen, Schnapsbrenner und Ehrenkommandeur des Flugplatzes Spangdahlem. Schneider und ihn eint die Liebe zur Eifel. Davon abgesehen trennen die beiden Welten. Billen ist für Schneider der Berlusconi der Eifel. Schneider ist Billen egal.

 

 

Billens Blick auf die Welt

 

„Für mich ist Michael Billen der Berlusconi der Eifel.“

 "Frieden und Sicherheit"

 "Das bisschen Fluglärm"

 "Den kann ich nicht bekehren"

 "Ich liebe Amerika"

 

 

Billen spricht viel über den Preis für Frieden und Sicherheit. Zwei große Wörter, die er mit den amerikanischen Kampfflugzeugen am Himmel verbindet. Was macht da schon das bisschen Lärm?

 

Die Eifler zahlen nun auch mit verseuchten Böden und Bächen dafür. Für Billen kein Grund, an der Freundschaft zwischen seiner Heimat und Amerika zu zweifeln. Das seien Altlasten, die Airforce und Eifel gemeinsam beheben werden, sagt er.

 

 

 

VI. Die Versammlung

 

 

 

Die Nervosität der Behörden lässt sich an der Zahl der Experten auf dem Podium ablesen. 13 Wissenschaftler und Beamte haben in einem kleinen Gemeindesaal Platz genommen. An diesem Dezemberabend sollen die neuesten Erkenntnisse zum Thema PFT verkündet werden. Das Ziel: die Bevölkerung beruhigen.

 

Wissenschaftler sprechen von mittleren Bundsandsteinblöcken, anthropogener Perfluoroctansäure, Bioakkumulation. Es gibt Fragen aus dem Zuschauerraum. Eine Frau will wissen, ob das PFT auch in der Luft sein könnte. Ein Angler macht sich Sorgen um die Fische in der Region. Schneider lauscht mit verschränkten Armen in einer der vorderen Reihen.

 

Man ist bemüht. Aber die Wissenschaftler wissen weder, wo genau das PFT ins Grundwasser gelangt, wie es sich verbreitet, noch wie gefährlich es für die Bürger wirklich ist. Eines ist gewiss: Aus dem Wasser heraus kriegen sie die Stoffe zunächst nicht.

 

Überraschend ist eher die Anwesenheit eines Mannes: Der Wasserexperte des US-Militär ist gekommen. Der Flugplatz hat einen Gesandten geschickt. Zu einer öffentlichen Veranstaltung. Ein Etappensieg für Schneider. Der Umweltingenieur sagt im Namen der Base: „Wir werden eng mit den Behörden zusammenarbeiten.“ Schneider sagt: „Es wurde auch Zeit.“

 

Einen Sanierungsplan gibt es jedoch noch nicht. Die Experten müssen weiter messen und untersuchen. Bis sie das Problem im Griff haben, kann es noch Jahre dauern und Millionen kosten.

 

 

„Wir werden eng mit den Behörden zusammenarbeiten.“

 

 

Am nächsten Tag donnern wieder Flugzeuge über Schneiders Hof. Wenn der Wind schlecht steht, kann er das Kerosin riechen. Das PFT sickert weiter. Einen Anfang hätten die Behörden gemacht, sagt Schneider. Aber solange das Zeug seine Heimat vergifte, wolle er keine Ruhe geben. „Der Kampf geht weiter.“

 

 

 

Und täglich grüßt Amerika (0:22)

 

 

 

 

 

 

Ein Projekt der

Henri-Nannen-Schule

in Kooperation mit

stern.de

 

Inhalt und Umsetzung:

Jonas Breng

Marlene Göring

Wiebke Harms

Christoph Henrichs

Paul Middelhoff

Martin Scheufens

 

Fotos:

Sonja Och

 

Infografik:

Patrick Rösing / stern

 

Mit Unterstützung von

Michael Hauri (Umsetzung) Shahin Shokoui (Video)

Claus Hesseling (Technik) Florian Gossy (Konzeption)


Projektleitung:

Florian Hanig


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